Technische Spezifikation
Der Fahrsimulator
Rave Racer wurde 1995 von Namco auf den Markt gebracht, einem japanischen Hersteller mechanischer Unterhaltungsautomaten, der nach Übernahme des japanischen Zweigs von Atari 1972 auch münzbasierte Videospielgeräte entwickelte, darunter 1980 den Klassiker
Pac-Man. Für den Namco
Rave Racer sind zwei Betriebsanleitungen überliefert: Namco America Inc.,
Rave Racer: Operator's Manual Preliminary, 1995 (U.S. amerikanische Spezifikationen) sowie ein geheftetes, vervielfältigtes Typoskript mit Handzeichnungen ohne Orts- und Jahrbezeichnung,
Namco Rave Racer (europäische Spezifikationen), eine Art Wartungsheft.[1]
Der
Rave Racer kam in zwei unterschiedlichen Konfigurationen als Update des
Rigde Racer (1993) sowie des
Ridge Racer 2 (1994) heraus. Es handelte sich also um das Upgrade einer erfolgreichen Serie, die vorläufig mit dem
Ridge Racer V: Arcade Battle (2001) endete, der Arcade-Version eines Playstation-Spiels. Der
Rave Racer brachte zwei neue Rennstrecken; 12 wählbare Songs sowie einen neuen
voice track; Fahr-Tricks wie
trampling,
drafting oder
rocket start; die Invertierung des Streckenverlaufs (Spiegelrennen) vor Rennbeginn; schließlich auch Cheats, die sich über eine Kombination aus Steuerrad, Gas- und Bremspedal-Inputs einstellen ließen. Im Cabinet verbaut war ferner noch neu per Taste die nun wählbare First- oder Third-Person-Perspektive, also Ich- und Verfolgersicht. Eine Gegendruck-Lenkung simulierte überdies das Fahrgefühl eines schwer auf der Straße liegenden Wagens.
Rave Racer-Modelle wurden teils mit dem früheren roten
Ridge Racer-Cabinet, teils mit einem neuen gelben Cabinet vertrieben. Der
Rave Racer nutzte wie schon der
Ridge Racer 1993 ein Namco System 22 Mainboard. Dies erlaubte 3D texturierte Polygon-Grafiken mit Texture Mapping (Musterabbildung), Gouraud Shading, Depth Cueing (Tiefenschattierung) sowie Anti-Aliasing (Kantenglättung) und all dies in höherer Auflösung als bei der 1994 herausgebrachten Sony PlayStation. Eine weitere Besonderheit war der 8-Personen-Mehrspielermodus, ermöglicht durch das physische Koppeln von bis zu vier Doppelsitzern, so dass Rennen in Gruppen gefahren werden konnten. Der
Rave Racer war aber auch als Einzelcabinet, also mit nur einem Sitz für eine Person erhältlich. Im Februar 2026 ist das Spiel bei Arcade Archives nach 30 Jahren erstmals für Konsolen wie die Nintendo Switch, Playstation 4 und 5 sowie die Xbox Series X herausgebracht worden.
In Anleitung und Fachpresse nicht weiter erwähnt werden die dem
«Rave» Racer 1995 mitgegebenen Technotracks, die vor Spielbeginn ausgewählt werden konnten. Diese oblagen dem japanischen Videospielkomponisten Shinji Hosoe, der die 18 Songs des Spiels gemeinsam mit Ayako Saso, Nobuyoshi Sano und Takayuki Aihara schuf. Der Soundtrack erschien am 21.10.1995 separat auf der CD
Namco Game Sound Express Vol. 24-Rave Racer, kam 2025 in einer Jubiläums-Remix-Version neu heraus und unterlag 2026 Live-Raves in Tokyo,[2] die das 30-jährige Bestehen des Spiels feierten. Die im Cabinet verbauten Subwoofer waren bei Rennsimulatoren üblich, um Motoren- und Fahrgeräusche zu simulieren.
Release und Verbreitung
Ein Jahr nach dem weltweiten Release der Playstation 1 und im Kontext des fortdauernden japanischen FEC-Booms bringt Namco 1995 eine Reihe neuer Arcade-Großgeräte auf den Markt, die noch mit den wachsenden Rechenleistungen der Heimspiele konkurrieren können.[3] Bereits vor dem Vertrieb der Automaten selbst gehen in den USA und Europa die Top 10-Rankings des japanischen Arcadegeschäfts um. Im Oktober 1995 stehen hier die Namco-Produkte
Alpine Racer und
Rave Racer auf dem jeweils ersten und zweiten Platz. Der
Rave Racer bleibt auch im November mit dem vierten Platz auf der japanischen Bestenliste; Anfang 1996 ist er aus den Top 10 verschwunden.[4] Im Herbst 1995 finden in den USA zugleich große Händlermessen wie die
AMOA-Amusement & Music Operators Association Show im September in New Orleans statt, gefolgt von der
IMA-Internationale Fachmesse Unterhaltungs- und Warenautomaten im Februar 1996 in Köln. Die beiden neuen Namco-Racer stehen hier entsprechend im Mittelpunkt.
Das Hauptaugenmerk von Fachorganen wie
Playmeter galt dabei Namcos
Alpine Racer, einem Skifahrsimulator, der als «Best New Simulator» am Markt für Family Entertainment Centers galt:
an attraction piece that should appeal to a whole new group of players, as well as regular players who have really not seen this type of piece before. Hopefully, it will generate additional incremental income as an attraction primarily for FEC and large facility operators, who at least can listen to the price without falling down. [5]
Der
Alpine Racer bestach durch seine experimentelle Steuerung, «a pivoting and rotating platform that one stands on to control a downhill skier on the screen».[6] Schlangen von Händlern bildeten sich vor diesem Gerät, eben weil es die Attraktionskraft zu haben schien, neue und alte Nutzergruppen in FECs zu locken, die den enorm hohen Anschaffungspreis dieses und anderer Arcade-Maschinen amortisieren helfen würden. Dies traf auf den in der Messe gegenüber platzierten
Rave Racer nicht zu. Das Namco-Rennspiel galt Fachhändlern als Symptom eines weitgehend innovationsfreien Produktionsjahres: «Many games previewed were sequels, updates, or enhanced versions of past titles». Der
Rave Racer erschien als «an update game for the
Ridge Racer series [...], much of the same scenery of city and country course is incorporated [...]. Texture-mapped polygon technology has progressed from two or three top simulators to become the standard visual expectation of new equipment.»[7]
Bei einem Preis von rund 13.500 USD (rund 30.000 EUR nach heutigem Kurs)[8] und aufgrund des Platzbedarfs war der Namco Doppel-Fahrsimulator überdies nur für die Betreiber mehrerer, großer Hallen erschwinglich. Deutsche Fachorgane wie
Automatenmarkt erwähnen ihn 1995-1996 nicht. Das Gerät wird vermutlich 1996 nach Deutschland aus den USA, Großbritannien oder über einen Zwischenhändler importiert. Importeur ist die Hamburger Firma Nova, ein Unternehmen der Gauselmann Gruppe (später: Merkur Group), das neben anderen Traditionsunternehmen wie Bally Wulff, Löwen Entertainment oder Bergmann Automaten den wachsenden deutschen Glücksspielmarkt beliefert. Gauselmann erweitert in den 1980er und 1990er Jahren sein Portfolio über Geldspielgeräte hinaus; ein Grund hierfür ist, dass eine Spielhalle mit 150m2 Fläche gesetzlich nur 10 Geldspielgeräte aufstellen darf, den verbleibenden Raum also mit Unterhaltungsautomaten sowie Flipper und Billiard auffüllen muss.[9] Dabei nimmt in den 1990er Jahren aufgrund der Privatisierung der Computerspielkultur das Interesse an Unterhaltungsautomaten, aber auch an Flipper und Billiard bereits deutlich ab. Gemäß einer Marktanalyse halbiert sich der deutsche Markt für «Unterhaltungsautomaten ohne Geld-Gewinnmöglichkeit» zwischen 1996 und 2005; selbst aufwändigere Geräte vermögen den Abschwung nicht zu bremsen, da Großgeräte wie Fahrsimulatoren nicht mehr genug Spielanreize liefern, sich aufgrund ihres Preises nicht schnell genug amortisieren und überdies mit hohen Automatenssteuern belegt sind.[10]
Endnoten
[1] Abrufbar sind Gebrauchsanleitungen im Netz, https://www.arcade-museum.com/manuals-videogames/N/NamcoRaveRacerSDOperatorsManual.pdf und https://www.arcade-museum.com/manuals-videogames/R/Rave-Racer.pdf (zuletzt besucht am 04.03.2026).
[2] Zu dem Live-Event in Tokyo die Ankündigung auf SaigaNAK, https://saiganak.com/event/rrn2025-announcement/ (zuletzt besucht am 04.03.2026).
[3] Umfangreich zum Hintergrund Pelletier-Gagnon (2024).
[4] RePlay, Dezember 1995, 40; Playmeter, Mai 1996, 10.
[5] Playmeter, November 1995, 114.
[6] ibid, 126.
[7] ibid. Ähnliche Kritik wird auch an Triple-A-Konsolenspielen geäußert, die (wie Call of Duty) aufgrund ihrer endlosen Neuversionen als «unfinished commodities» erscheinen. Hierzu David B. Nieborg, Prolonging the Magic: The Political Economy of the 7th Generation Console Game, Eludamos: Journal for Computer Game Culture 8,1 (2014), o.P.
[8] Playmeter (Oktober 1996, 167) listet diesen Preis für den Rave Racer Twin.
[9] Gespräch mit Sascha Wömpener, Deutsches Automatenmuseum Espelkamp am 26.2.2026.
[10] Hans-Günther Vieweg, Gutachten im Auftrag des Arbeitsauschusses Münzautomaten. München: ifo-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München, 2007, 5-6.
[11] S. hierzu den Forumspost auf Arcade Centrum vom 20.5.2019, https://www.arcadezentrum.com/forum/board/index.php?thread/28902-rave-racer-von-namco-2-spielerkabinett-von-1995/ (zuletzt besucht am 04.03.2026); Korrespondenz mit cascha und coon (c-base) mit Patrick Vonderau, 05.11.2025.